Maraite Geschichte

Nikola Maraite

Wie aus einem deutschen Zwangssoldaten fast über Nacht ein belgischer Kriegsfreiwilliger wurde.

Kaum ein anderer Eupen-Malmedyer hat im Krieg eine so vielseitige „Karriere“ hinter sich gebracht wie der 1906 in Neubrück, Gemeinde Crombach, geborene Nikolaus Maraite. Er schaffte es, nacheinander als „Volksschädling“ im Gefängnis zu sitzen, dann deutscher Soldat zu werden, sich in Italien von der Wehrmacht zu trennen, um zunächst in englische Kriegsgefangenschaft zu kommen, als Belgier interniert zu werden und schließlich als Kriegsfreiwilliger in die belgische Armee in England einzutreten. Das alles innerhalb von weniger als drei Jahren. Trotzdem kann er von sich sagen: Ich habe während des ganzen Krieges niemals eine Bombe pfeifen und eine Granate krepieren hören. Ganz im Gegensatz zu meiner Frau und den Kindern, die in der Heimat geblieben waren. Das bestätigt Frau Maraite-Cormann immer, wenn es am schlimmsten war. Sie erwartete ihr drittes Kind, als ihr Mann schon in Aachen im Gefängnis saß, und das vierte Kind (von insgesamt dreizehn, von denen neun noch leben) kam, als Nikola notgedrungen den grauen Rock des ungeliebten Führers trug. Während der Rundstedtoffensive wurde sie auf dem Bauernhof in Neubrück ausgebombt, lebte zeitweise mit den Kindern bei der Mutter und den Geschwistern ihres Mannes in Neundorf und ging dann; als es auch dort gefährlich wurde, nach Crombach-Berg hinauf zum Hof des ältesten Bruders ihres Mannes, wo sie die letzten schlimmen Wochen der Offensive überstanden. Nikola Maraite hat über diese Jahre Tagebuch geführt, so dass er noch genau Zeiten und Orte angeben kann, was seiner Schilderung einen hohen Grad an Genauigkeit gibt. Im Mai 1940 lebte die Familie auf ihrem Hof in Neubrück, an der Straße von St. Vith nach Luxemburg. Da der Hof etwas abseits von den übrigen Anwesen lag, kehrten oft Flüchtlinge dort ein. „Als Bauern konnten wir jedem etwas geben und den Weg zur Grenze zeigen“, gibt er heute ein damals sorgsam gehütetes Geheimnis preis. Denn darauf standen hohen Strafen. Und es gab genügend Leute, die solche Tätigkeit nicht gern sahen. Am 18. Februar 1942 stand die Feldgendarmerie vor der Tür. Am nächsten Tag lieferte sie Nikola Maraite ins Aachener Gefängnis ein. Nikola war sehr verzweifelt und dachte: Jetzt ist alles aus... So schildert er seine damalige Geistesverfassung. Und er nahm sich als gläubiger Christ (der er heute noch immer ist) vor: Falls ich diesen Krieg gesund überlebe, werde ich jeden Tag den Rosenkranz beten und eine Wallfahrt nach Lourdes unternehmen. Er war damals schon zur Wehrmacht gemustert, und als er eine Woche im Gefängnis saß, teilte ihm seine Frau brieflich etwas mit, was ihn seine Lage dann plötzlich in einem anderen Licht erscheinen ließ. Die mit ihm zusammen gemustert worden waren, hatte man einberufen. Da dachte er sich: es ist doch besser, hier zu sitzen als an der Front zu stehen. Tatsächlich sind alle seine Altersgenossen nach Rußland gekommen, und die meisten von ihnen sind gefallen. Das Sondergericht in Aachen verurteilt Nikola Maraite zu 16 Monaten Gefängnis. In der Untersuchungshaft hat er stark unter dem Hunger gelitten, die Gefäng­niskost war schlecht und unzureichend. Nach der Verurteilung wird er, mit Handschellen an einen Gendarmen gefesselt, von Aachen über Köln zum Gefängnis in Wittlich überführt, wo er seine Strafe absitzen sollte. Sie übernachten im Kölner Klingelputz.

Bei ihren Besuchen im Gefängnis hat Frau Maraite mit Besorgnis den schlechten Gesundheitszustand ihres Mannes beobachtet. So bombardierte sie die Aachener Staatsanwaltschaft mit Gesuchen um die Freilassung ihres Mannes. Keiner außer ihr glaubt an den Erfolg. Die Verwandten waren überzeugt, dass es verlorene Mühe ist, aber sie nimmt sich einen guten Anwalt in Aachen (ich habe ihm ein gutes Trinkgeld gegeben), der es tatsächlich fertigbringt, dass ihr Mann für den Sommer beurlaubt wird. Vielleicht war ich denen in Aachen auch nur lästig gefallen sagt Frau Maraite. Ihr Mann erzählt: Ich war gerade zwei Tage in Wittlich in der Einzelzelle, da ging die Tür auf, und ein Wachtmeister holte mich ins Büro. Ich war besorgt, was jetzt wiederkommen würde, aber sie sagten mir; Sie können nach Hause gehen und die Strafe im Winter absitzen! So konnte er mit seiner Frau den Hof versorgen und wieder zu Kräften kommen. Am 25. November 1942 muss er sich wieder in Wittlich melden. Am zweiten Tag, die Häftlinge trennen gerade alte Schuhe in einem Saal auf, holt ihn aufs neue ein Wachtmeister. Er führt ihn zum Pferdestall, wo er einen anderen Ostbelgier trifft, Kesseler aus Welkenraedt. Er erfährt, dass die Leute von Wittlich Holz zum Sägen ins Gefängnis bringen, die beiden Häftlinge schaffen das Holz dann mit dem Pferdewagen wieder in die Stadt. Das ist natürlich eine angenehme Abwechslung im eintönigen Gefängnisleben umso mehr, als die Einwohner den Gefangenen, denen man den Hunger ansieht, oft ein Stück Brot zustecken. Der Wachtmeister, der die beiden begleitet, geht dann ein wenig abseits, um nicht zu sehen, was streng verboten ist. Am 31. April beginnt wieder die Sommerpause. Nikola Maraite hat den größten Teil. seiner Strafe bereits abgesessen. Zu Hause in Neubrück erholt er sich wieder bei der Landarbeit. Als im September eine Nachbarin stirbt, geht er abends ins Sterbehaus, um nach altem Brauch den Rosenkranz zu beten, nach dem Beten entwickelt sich draußen ein gefährliches Gespräch. Nikola steht mit seinem Vetter und einem Bauernführer aus einem benachbarten Dorf zusammen. Natürlich sprechen sie über den Krieg. Als der Vetter sagt, es kann kommen wie es will, wir sind immer auf der gewonnenen Seite, kann Nikola nicht an sich halten: Der Krieg ist schon lange verloren, stellt er fest, was den Ortsbauernführer derart aufregt, dass er ihm an den Kopf wirft: Du bist ein Volksschädling, in acht Tagen bist du eingezogen! Das war am Freitag. Dienstags kam schon der Gestellungsbefehl nach Köln-Westhafen zu den Pionieren. Kurz zuvor hatte sich Frau Maraite beim Sturz vom Wagen den Arm gebrochen und konnte nicht arbeiten. Glücklicherweise bekamen sie dann eine Polin zur Hilfe, ein sehr fleißiges und gutes Mädchen, das in den nächsten Jahren Frau Maraite wie eine Schwester zur Seite stand. Am Allerseelentag 1943 muss Nikola Maraite sich in Köln stellen. Flüchten konnte ich nicht, sagt er, denn man hatte schon vorher das Vieh und alles andere durch den Bauernführer aufschreiben lassen. Die erste Zeit beim Militär war schlimm. Nikola hatte als ältester von sechs Jungen keinen Militärdienst in Belgien zu leisten brauchen, so dass alles neu für ihn ist. Aber er gewöhnt sich schnell daran. Als er sieht, dass der Soldat auf der Schreibstube ein Kriegsbeschädigter ist, der schlecht aussieht, lässt er sich von seiner Frau etwas Lebensmittel für den armen Mann mitgehen, und seitdem bekommt er reichlich Urlaub. Aber ich stellte mich dumm an beim Dienst erzählt Nikola, man hat acht Monate an uns ausgebildet, wir waren schlechte Soldaten. Er veranschaulicht an einem deftigen Beispiel seine Philosophie: Die Schweine, die am besten fressen, sind am schnellsten schlachtreif, die anderen leben länger. Als die Kompanie einmal angetreten ist zur Inspektion durch den Chef, kommt der Hauptmann schnellen Schrittes heran, bleibt vor Nikola stehen, blickt ihn an und sagt zum Unteroffizier; Wie steht der Mann denn da! Da deutet der Unteroffizier mit dem Finger an den Kopf und sagt verstohlen: Herr Hauptmann, der tickt nicht richtig! Ach so, sagt der Hauptmann und geht weiter. Auf der Stube haben nachher seine Kameraden ihren Spaß; Maraite, da hast du wieder einmal was angestiftet. Am 2. Juni 1944 wurde der Urlaub gesperrt. Es war ein Samstag. Nikola Maraite sagte zu seinen Stubenkameraden: Ich fahre jedenfalls heute in Urtaub, es wird das letzte Mal sein. Ruft einfach „hier“ für mich morgen früh beim Antreten! Aber als er am Sonntagabend zurückkehrt, haben die Kameraden eine schlechte Nachricht für ihn. Die Kompanie hat abzählen müssen; da ist natürlich sein Fehlen aufgefallen, er muss sich beim Hauptmann melden. Der fängt an zu brüllen, als er die Tür aufmacht. Ich sagte kein einziges Wort. Auf einmal hört er auf und sagt: Was soll ich Sie noch mit einer Strafe ins Feld schicken; machen Sie, dass Sie rauskommen. Am 7. Juni bekommen sie in der Kirche die Generalabsolution, bevor sie zur Front abfahren.   Vom Freund aus der Schreibstube bekommt Nikola noch einen neuen Pelzmantel mit. Der hätte ihm gute Dienste leisten können in der Ostfront aber sie fahren den Rhein rauf, rollen am nächsten Morgen an München vorbei und als sie durch Salzburg kommen, wissen sie dass es nach Italien geht. Nikola Maraite: Ich hatte immer Angst vor der Ostfront gehabt, denn da konnte man nicht überlaufen. Aber mein neuer Pelzmantel war im italienischen Sommer unnötiger Balast. Am 10. Juni sind sie in Modena. Der Hauptmann lässt die Kompanie antreten und gibt bekannt, dass sie auf Selbstverpflegung angewiesen sind. So müssen sie ihre Verpflegung bei anderen Einheiten besorgen. Das klappte nicht immer. Aber Wein haben sie genug Wir brauchten nur mit der Feldflasche zu einem zu einem Haus zu gehen und Vino zu sagen, dann bekamen wir sie kostenlos gefüllt. Sie hatten den Eindruck, dass der Hauptmann nicht den Einsatz sucht. Sie bleiben niemals eine Woche an einem Platz. In Rimini logieren sie feudal in den leer stehenden Luxushotels am Strand der Adria und holen sich ihr Essen bei einer benachbarten Einheit. In Ricione, noch immer an der Adria ist das Hotel Nizza ihr Quartier. Dann verbleiben sie acht Tage in einem Bergdörfchen der Alpenninen, wo sie einen Ochsen requierten und schlachten, da es keine Verpflegung gibt. Nikola Maraite wartet nur auf den Augenblick an dem er die Fronten wechseln kann. Am 26. Juni werden sie auf Lastwagen verladen und nach Mazaratha zum Gefechtsstand gebracht, wo sie der dritten Kompagnie zu geteilt werden. Zwei Tage danach, muss er Italiener bewachen, die 5 Kilometer hinter der Front Panzergräben auswerfen. Mittags fragen sie ihn, ob sie zum Essen nach Hause gehen können, Er sagt ja und steht nachmittags allein vor den halb aus geworfenen Graben. Keiner ist zurückgekommen. Tags darauf bewachen sie zu zwei Mann in Mazaratha eine Brücke. Nachts ziehen sich die Deutschen über die Brücke zurück, die um 3 Uhr früh gesprengt wird. Sie marschieren vier Kilometer weit zu einem kleinen Dorf, wo sie wieder eine der vielen Brücken in dieser schluchtenreichen Gebirgsgegend bewachen müssen. Der zweite Mann ist ein in der Wehrmacht dienender Pole, den er behutsam ausforscht, ob er bei den Deutschen zu bleiben gedenkt. Der andere bestätigt das und Nikola verschweigt natürlich, dass er selbst überlaufen will, und zwar in der folgenden Nacht. Dazu kommt es dann allerdings nicht, und das ist seine eigene Schuld. Er bietet dem anderen an, die erste Wache zu übernehmen bis 2 Uhr früh. Abends hat er tüchtig dem Wein zugesprochen, und als nachts der Leutnant mit dem Motorrad vorbeikommt, schläft Nikola den Schlaf des Gerechten und wird vom Leutnant unsanft geweckt. Dieser stellt aber nur fest, dass er einer von den Neuen ist, schickt ihn zum Gefechtsstand und sagt, sie müssten nachher noch Minen verlegen. Der andere Soldat übernimmt die Wache an der Brücke, die um 4 Uhr gesprengt wird. Der Tommy (Engländer) ist dicht hinter ihnen, als sie sich weiter zurückziehen. Sein Entschluss ist jetzt gefasst. Mittags legt er sich die nötigen Sachen zurecht, geht abends in den Wald und legt sich unweit einer Brücke, die seine Einheit diesmal bewachen soll, zum Schlafen nieder. Als die Brücke um 6 Uhr hochgeht, hat er buchstäb1ich die Brücken zwischen der deutschen Wehrmacht und sich abgebrochen. Er geht zu einem nahen Bauernhof, wo die Italiener ihm ein Frühstück geben. Dort lässt er seinen Karabiner. In seiner Tropenuniform, gelbe kurze Hose und Hemd, sieht man ihm kaum den deutschen Soldaten an. Der Bauer, dem er verständlich gemacht hat, dass er überlaufen will, hat ihm ein Stück weißes Tuch und einen Stock mitgegeben, an den er den Lappen bindet, So geht er in Richtung Mazaratha den Polen entgegen, die an diesem Frontabschnitt der britischen Armee ,den Deutschen nachrücken. Nikola Maraite beschreibt ganz undramatisch diese entscheidende Passage seines Militärlebens: Es war ein wunderschöner Sommertag, dieser 1. Juli .1944, und die Vögel sangen, ich hatte überhaupt keine Angst. So ging ich den Berg hinunter und sah den Posten schon von ferne stehen. Es war ein großer kräftiger Mann, der mich herankommen ließ und mich nach Waffen abtastete. An der Seite der Straße war eine Baracke. Ein Soldat kam heraus, dem ich meinen belgischen Personalausweis übergab. Er telefonierte, und schon Minuten später kam ein Jeep mit deutschsprechenden polnischen Soldaten, die mich zum Einsteigen aufforderten und sehr freundlich waren. Haben Sie Hunger? Wollen Sie rauchen, waren ersten Fragen. Sie brachten mich zum Bataillons Gefechtsstand, wo ich allein in einem Zelt und ohne Bewachung übernachtete. Am nächsten Tag brachte man mich an einen anderen Ort zur Vernehmung, und am. 3 Juli kam ich vorübergehend nach Peseara an der Adria in ein Lager, aus dem ich aber schon am nächsten Tag weiter gebracht wurde nach Historia. Als ich dort abends allein in meinem Zelt saß, kam ein belgischer Hauptmann herein, der mich fragte, ob ich bereit sei, freiwillig in die belgische Armee in England einzutreten. Ich bejahte und dachte, dann bist du wieder geachtet und kommst schneller nach Hause. Von diesem Augenblick an waren wir, denn außer mir waren noch andere Ostbelgier dort, einige Malmedyer, ein Junge aus Raeren, dessen Namen ich nicht mehr weiß, vor allem aber eine ganze Reihe St.Vither, keine Kriegsgefangenen mehr, sondern Internierte. Am 7. Juli ging es weiter mit der Bahn bis Bari und von dort nach Crumo in ein Zeltlager. Behandlung und Essen waren überall gleich gut. Ein paar Tage später fuhren wir über Neapel nach Aversa, wo wir dann endlich einmal länger blieben. Erst am 23 Oktober wurden wir in Neapel nach England eingeschifft. Wir waren inzwischen 38 Belgier, die meisten aus der St.Vither Gegend, die sich gleich mir für den Dienst in der belgischen Armee entschieden hatten. Auf dem Passagierdampfer waren wir mit englischen Urlaubern zusammen, denen wir als belgische Freiwillige gleichgestellt waren. Mit zwei Begleitschiffen fuhren wir quer durch das Mittelmeer nach Gibraltar, wo sich noch ein U-Bootjäger zu uns gesellte, der uns durch den Atlantik das Geleit gab. Zwischen Irland und England fuhren wir dann durch den St.Georg Kanal und die Irische See nach Liverpool, wo wir am 3. November 1944 mit Musik empfangen wurden. Mit dem Zug reisten wir sofort nach London weiter, wo wir in einem Haus für Internierte einquartiert wurden. Dort hatten wir es sehr gut. Am 12. November kamen wir dann in eine besonders interessante neue Unterkunft, die Patrioticschool in London, wo wir Internierte aus allen Weltteilen tra­fen, Es war ein buntes Völkergemisch. Hier bekamen wir am 18. November unseren Paß und konnten uns nunmehr überall frei bewegen, Manchmal unterhielten wir uns noch über unsere Erfahrungen in der Wehrmacht, die schon wie ein Alptraum weit hinter uns lagen. Dann holte uns ein Wagen der belgischen Armee ab, und wir wurden gemustert und eingekleidet. Neben der Uniform bekamen wir ein Paar Sonntagsschuhe und ein Paket vom Roten Kreuz. Am 4. Dezember kamen wir nach Learnington-Spa unweit Birmingham und von dort nach Mons-Kurby, von wo aus ich dann am Abend des 21. Dezember wieder nach Leamington-Spa geholt wurde, wo sich das Hauptquartier der belgischen Streitkräfte in England befand. Dort musste ich mit einem anderen, aus Kanada stammenden belgischen Soldaten in der Unteroffiziersmesse bedienen. Das ist dann auch für die folgende Zeit meine Aufgabe geblieben, die sehr interessant und abwechslungsreich war. Dort wurden an die 150 Adjutanten und Sergeanten verpflegt. Die Umgangssprache war Französisch, das ich dort sehr gut gelernt habe. Sie fragten mich, wie ich heiße. Ich sagte: Nicolas. Von da ab riefen sie mich nur noch Nicolo. Einmal meinte einer, in Eupen-Malmedy gebe es viele Nazis, aber er fügte gleich begütigend hinzu: Mais ce n´est pas pour toi, Nicolas! Schon seit Juli 1944, seitdem ich die Fronten gewechselt hatte, war ich ohne Nachricht von zu Hause, und wir Eupen-Malmedyer machten uns große Sorgen, nach dem wir aus dem Radio von der Ardennenoffensive gehört hatten. Erst nach der Heimkehr erfuhr ich, dass meine Frau schon im August 1944 die von mir ausgefüllte vorgedruckte Karte bekommen hatte, wonach ich in alliierte Gefangenschaft gekommen war. Glücklicherweise erhielt sie den Brief meines Leutnants, dass ich am 30. Juli von einem Meldegang zum Gefechtsstand nicht zurückgekehrt und seitdem vermisst sei, erst später, so dass sie über mein Schicksal beruhigt war. Bis April 1945 blieben dann sämtliche Nachrichten aus. Ich schrieb von England aus einen Brief an meine Schwiegereltern, die damals in Eynatten lebten. Da der normale Postverkehr mit St.Vith noch nicht wiederhergestellt war, übergab mein Schwiegervater den Brief der Gendarmerie Eynatten, die ihn dann ihren Kollegen in St.Vith übergaben. So bekam meine Frau in Neundorf meine Nachricht, und sie konnte mir zurückschreiben, so dass ich endlich wusste, dass zu Hause alle in bester Gesundheit waren und dass ich am 15. Juli 1944 Vater eines Sohnes geworden war, unseres vierten Kindes. Meine Erleichterung. und Freude war groß. Die Leute in England waren sehr freundlich zu uns. Ich erinnere mich da einer bezeichnenden Episode. Ich wollte für meine Frau Taschentücher kaufen. Aber an der Kasse des Geschäfts sagte mir, dafür brauche ich Bons die ich natürlich nicht hatte. Da reichte mir eine vor mir stehende Frau wortlos einen Bon. Inzwischen war der Krieg zu Ende gegangen. Nachtragen muss ich noch, dass zu der Zeit, als wir in England eintrafen, die belgische Exilregierung in London eine Verordnung erließ, wonach belgische Soldaten aus Eupen-Malmedy nicht zum Fronteinsatz kommen sollten. Damit sollte vermieden werden, dass unter Umständen zwei Brüder aufeinander schossen. Die Gefahr war aber auch zu groß, die Deutschen hätten uns, falls sie einen fassten, an die Wand gestellt. Am 11. August 1945 wurden wir in Dover nach Ostende eingeschifft wo wir um 11 Uhr vormittags eintrafen. Ich erinnere mich der überschäumenden Stimmung der Bevölkerung gegenüber den aus England kommenden belgischen Soldaten. Ich hatte ein anderes Problem. Da wir in England doppelte Löhnung erhalten hatten, besaß ich viel Geld. das ich in Geschenke für meine Familie umgesetzt hatte. So kam ich mit rund 150kg Gepäck an und ich überlegte, wie ich diese Last zum Bahnhof bringen sollte. Da sah ich von fern zwei Militärpolizisten stehen, die meine Not erkannt haben mussten, sie kamen näher und halfen mir, mein umfangreiches Gepäck zum Zug nach Brüssel zu tragen. In Brüssel übernachteten wir in der Kaserne in Etterbeek. Am nächsten Morgen bekamen wir einen Urlaubsschein und fuhren mit dem Zug nach Malmedy. Auch hier wurden wir herzlich begrüßt. Soldaten eines belgischen Sprengkommandos, die wir am Bahnhof trafen, empfahlen uns wir sollten in Malmedy übernachten, am nächsten Tag würden sie uns mit ihrem Wagen nach Hause bringen. So geschah es. Die Fahrt von Malmedy nach St. Vith zeigte uns erst, wie schrecklich unsere Heimat in der Rundstedtoffensive gelitten hatte. Der Anblick von St.Vith entsetzte mich. Derartige Verwüstungen hatte ich nicht erwartet. Zwischen den Ruinen der zerbombten Häuser führten zu der Zeit erst schmale Passagen durch die ehemaligen Straßen, in denen man sich kaum orientieren konnte.

 

Aber der Empfang zu Hause war großartig. Nur meine jüngste Tochter war nicht einverstanden.

Ich war in England recht dick geworden, und sie erkannte mich nicht mehr. „Du bist nicht mein Papa“sagte sie, mein Papa ist noch in England! Später hat sie mich dann doch wieder erkannt. Nikolas Dank geht in diesen Tagen der glücklichen Heimkehr an seine Mutter und Geschwister in Neundorf, die sich seiner Familie in schweren Zeiten angenommen haben, und an die Nachbarn in Neubrück, die der Familie noch manches gerettet haben, als vor ihrem Hof während der Bombardierung St.Viths ein deutscher Munitionswagen von einer Bombe getroffen wurde, dessen Explosion schwerste Zerstörungen an Haus und Stallungen anrichtete.

Dieser Bericht unterscheidet sich natürlich in wesentlichen Punkten von nahezu allen anderen Schilderungen in diesem Buch. Nikolaus Maraite und seine aus dem altbelgischen Montzen gebürtige Frau haben aus ihrer Ablehnung des national-sozialistischen Regimes nie ein Hehl gemacht und sich auch niemals „angepaßt“. Viel mehr Ostbelgier, die heute darauf pochen, nur unter Zwang in der deutschen Wehrmacht gedient zu haben, hätten ähnliche Konsequenzen ziehen sollen wie er, meinte Maraite, doch gibt er zu, an der Ostfront war das natürlich nicht möglich. Und leider ist es so, dass die meisten Soldaten aus Eupen-Malmedy zur Ostfront geschickt worden sind, und auch die übergroße Mehrheit aller Gefallenen und Vermissten aus unserem Gebiet war an der Ostfront zu beklagen. In einem stimmt Nikola Maraite mit seinem 'ältesten Bruder überein, der immer gesagt habe: Was die Belgier in 20 Jahren nicht fertig gebracht hatten, haben die Deutschen in 5 Jahren geschafft, dass wir endlich gute Belgier geworden sind. Dass es heute in unserer Gegend noch Leute gibt, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben, ist darum für Nikola Maraite schwer verständlich, der aus der Weisheit seiner 80 Jahre den Schluss zieht, dass doch auch der dümmste Mensch aus Erfahrungen Lernen müsse.

Im Frühjahr 1954 hat er übrigens sein Versprechen von 1942 wahr gemacht und ist nach Lourdes gepilgert. „Ich war sehr ergriffen von allem, was ich dort erlebt habe, und bin inzwischen noch zweimal dorthin zurückgekehrt, sagt er und zieht für sich persönlich die Schlussfolgerung aus einem nicht immer leichten Leben: Wenn es dem Menschen wirklich schlecht geht, bleibt ihm noch immer das Gebet.“

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